Dienstag, 5. Juli 2016

Gesund sein ist wie eine Fahrt auf der Autobahn

Als ich am Wochenende mit meiner Mutter im Auto auf der Autobahn gefahren bin, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Gesund zu sein ist so ein wenig wie auf der Autobahn zu fahren. Es gibt viele Autos um einen herum. Viele Regeln, die es zu beachten gilt. Man muss mit den anderen Autos ein wenig kommunizieren, damit alles funktioniert. Man hat eine große Verantwortung, wenn man dort fährt. Es gibt Leute, die sind noch nie Auto gefahren, oder welche, die eine andere Route fahren oder momentan stillstehen. Manche fahren auch ständig durch einen Tunnel. Aber wenn man auf der Autobahn fahren möchte, muss man zuerst lernen, wie man überhaupt Auto fährt. Man muss sein Auto auftanken und sich einfach mal trauen, auf die große, schnelle Straße zu gehen. Irgendwann geht das besser, weil man am Anfang noch ein wenig überrumpelt ist von den vielen Sachen, die auf einmal passieren. Irgendwann macht es einem gar nichts mehr aus. Vielleicht baut man mal einen Unfall. Dann muss man aber wieder auf die Straße und weitermachen. Es ist nicht einfach, gesund zu sein. Das war jetzt vielleicht ein wenig komisch, aber in meinem Kopf ergibt es Sinn.

Sonntag, 26. Juni 2016

Echte Emotionen

Es ist schön, sich abends mit einem echten Lächeln ins Bett zu legen. Ein frisches, echtes Lächeln. Mein Lächeln. Ein guter Mix von guten Gefühlen. Freude, Liebe, Standhaftigkeit. Das gute Gefühl, heute gelebt zu haben. Gelebt, nicht überlebt. Das ist ein großer Unterschied. Dieses Wochenende habe ich gelernt, dass es viele verschiedene Gefühle gibt, die man am Tag verspüren kann. Und jetzt wage ich es auch, diese Gefühle zu spüren. Ich würde sagen, dass ich mich dadurch lebendig fühle. Ich habe dieses Wochenende meine Bewältigungsstrategien mitgenommen und auch benutzt. Denn auch wenn ich gute und schlechte Emotionen verspüren kann, machen sie mir noch richtig große Angst. Aber es ist auch gut, sich lebendig zu fühlen. Das Leben ohne Gefühle war sehr einsam. Unendlich traurig und einsam. Ich bin so froh, dass ich mich dazu entschieden habe, mein Leben zurück zu erobern. Das ist eine sehr schwierige und harte Aufgabe. Aber ich möchte Gefühle erleben und Schmerzen und Freude spüren. Und ich bin diejenige, die dafür verantwortlich ist. Ich kann mich befreien. Heute Abend kann ich mich mit einem Lächeln ins Bett legen. An diesem Wochenende hatte ich viele Siege. Morgen geht es weiter. Ich packe das, ich muss das packen.

Samstag, 25. Juni 2016

Entscheidungen

"Das Leben ist grausam und schmerzhaft, und das wird es auch immer sein, also kannst du auch direkt lernen, damit umzugehen." Sowas wird uns in der Klinik öfters gesagt. Ich bin jetzt seit gut zwei Monaten hier und bin weit gekommen. Mein ganzes Leben bin ich vor den Gefühlen weggelaufen und in den letzten zwei Monaten habe ich genau das Gegenteil gemacht. In bisherigen Therapien wurde die Verantwortung für mich übernommen, in der aktuellen Therapie muss ich selber Verantwortung übernehmen. Das war und ist gar nicht so einfach, aber ich gewöhne mich dran. Normalerweise würde ich Tabletten nehmen, um dem Schmerz zu entfliehen, aber hier ist das nicht so. Keine Medikamente, damit wir auch alle Schmerzen spüren. Wir können weglaufen, wenn wir das möchten. Keiner hält uns davon ab. Aber wir werden ständig daran erinnert, dass es unsere Entscheidung ist. Wir können die Entscheidung treffen, nicht davonzulaufen und den Schmerz und die Gefühle einfach mal auszuhalten. Nichts damit zu machen. Sie akzeptieren. Das Leben wird immer grausam und schwierig sein, aber wir können nicht ewig davonlaufen. Das Wort "Entscheidung" hören wir bestimmt 1000x am Tag. Aber wir haben eine Entscheidung. Mein ganzes Leben war ich mir darüber nicht so sicher, aber hier lernen wir, die Wahrheit zu sehen. Hier lerne ich zu akzeptieren, dass ich allein die schlechten Entscheidungen bisher getroffen habe. Entscheidungen, die starke Auswirkungen auf mich und meine Familie hatten. Entscheidungen, die so schmerzhaft waren, dass es mir unangenehm ist. Es tut mir weh, darüber nachzudenken, dass ich die Entscheidungen getroffen habe. Ja, ich war krank, aber ich habe dennoch die Entscheidungen getroffen. Die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern, aber ich kann heute und morgen etwas verändern.
Entscheidungen zu treffen ist gar nicht so einfach. Zumindest, wenn es große Entscheidungen sind. Mich dafür zu entscheiden, gegen meine Krankheit und meine Zwänge vorzugehen, ruft große Angst hervor. Diese Angst ist nur schwer zu ertragen, der ganze Körper tut dann weh. Normalerweise haue ich dann ab, was bedeutet, dass ich mich meinen Gefühlen nicht aussetze. Was wiederum bedeutet, dass ich viele unterdrückte Gefühle in mir habe und wie eine tickende Zeitbombe bin, die irgendwann explodiert. Es ist sehr kompliziert. Hm.. so langsam fange ich an zu verstehen, warum ich mit den Gefühlen nie klar kam. Warum ich immer abgehauen bin. Durch mein Verhalten bin ich auch nicht so weit entwickelt wie andere in meinem Alter. Ich fühle mich nicht wie eine Person. Ich habe kein Selbstbewusstsein.
Es ist schwierig in der Klinik. Ich bin so erschöpft und hab das Gefühl, als würde ich jeden Moment aufgeben. Der Drang, einfach abzuhauen und ein wenig Frieden zu haben, ist groß. Aber wenn ich das tue, gehe ich nur rückwärts. Ich muss da durch. Bevor ich in die Klinik gegangen bin, habe ich die Entsscheidung getroffen, dass ich das aushalte. Egal, wie schwierig es wird. Ich möchte mein Leben leben, ich möchte mein Leben zurück. Das Wochenende bin ich jetzt Zuhause und die kleine Auszeit ist gut. Ich brauchte ein wenig Motivation und Stärke. Es ist schön, bei meiner Familie zu sein und Kraft zu tanken. Zuhause sein ist schön. Ich fühle mich dort sicher.

Donnerstag, 16. Juni 2016

Ich verliere oft die Kontrolle, bin verwirrt, müde und verliere die Motivation. Alles verändert sich so schnell so stark. Es ist schwierig, dem Programm zu folgen, wenn man plötzlich irgendwelche Halluzinationen hat, paranoid ist, die Angst einen lähmt, man sich erbricht und sich nicht in der Realität befindet. Zwei Stunden später bin ich total sozial, hyperaktiv, voller Energie und gebe vor, glücklich zu sein. Dann habe ich das Gefühl, dass alles viel zu langsam von statten geht. Ich weiß, dass die Behandlung auch darin besteht, dass ich selbstbewusster werde und mich auf unbekannte Situationen einstellen kann. Dass ich lerne, damit umzugehen. Sie sprechen über innere Aussetzung. Viele denken an äußerliche Situationen. Es ist schwierig, das alles zu verstehen. Irgendwie unmöglich es zu erklären. Ich versuche, wieder öfters zu schreiben. Sorry, wenn das alles ein wenig wirr und unverständlich klingt.

Freitag, 10. Juni 2016

Masken

Ich lache oder lächle oft, wenn ich eigentlich Angst habe, Schmerzen verspüre oder sonstige negativen Emotionen aufkommen. Das ist einfacher. Ich lache oft, auch wenn ich eigentlich weinen sollte. Das hab ich schon immer gemacht, weil ich kein Vertrauen darin habe, dass die Welt meine Gefühle akzeptiert. Nach außen wirke ich okay. Ich glaube, ich will mich damit auch ein wenig selbst täuschen. Ich habe mich lange gefragt, was passiert, wenn ich die Maske runternehme und zeige, dass ich verletzlich bin. Ich dachte immer, dass ich lächeln und funktionieren muss. So lange, bis die Maske zu meinem Gesicht wurde. Während der Therapie habe ich viele Dinge entdeckt. Hinter dieser Maske und in meinem Kopf  sitzt ein Kind. Ein Kind, das der Meinung ist, dass alles in Ordnung ist, so lange man lächelt. Ein Kind, das der Meinung ist, dass es keinen Platz in dieser Welt hat. Ein Kind, das alle anderen vor dem beschützt, was in ihm drin ist. Ein Kind, das nie das Gegenteil gesagt hat und die Bedürfnisse der anderen vor seine eigenen gestellt hat. Ein Kind, das nie seine Meinung gesagt hat und nicht Stopp gesagt hat, wenn andere zu weit gegangen sind. Ein Kind voller Schmerzen, das nicht weiß, wie es damit umzugehen hat. Körperlich leidet das Kind so stark, dass es schreien würde, aber das kann es nicht. Es kommt nichts raus. Und was, wenn es doch rauskommt? Kommt dann alles wie ein Wasserfall? Wird das Kind explodieren? Wird es seine Liebsten verlieren, weil diese sich dann abwenden? Wird es überhaupt aufhören?
Ich versuche das Kind rauszulassen, wenn ich auf Reisen ins Innere gehe. Ich muss sagen, dass es jedes Mal schrecklich ist. Es ist, als würde man eine Maschine anstellen, die kaputt ist. Oder wie im Meer auf offener See zu schwimmen, während es stürmt und man ständig nach unten gezogen wird. Aber man muss kämpfen. Ich habe das Gefühl, dass ich nie das Land erreichen werde. Manchmal bin ich so müde, dass ich nicht weiß, wo oben und unten ist. Manchmal ist es so schmerzhaft, dass ich nicht in dieser Welt sein kann. Ich versuche die Maske abzunehmen. Aber wenn ich das tue, suche ich nach einer neuen Art von Schutz.
Diese Reise ist so lang und mühselig. Und manchmal ist es schwierig, sich an sein Ziel zu erinnern. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem ich das Kind in mir und mich selbst befreien kann. Vielen kämpfen für den Frieden, in ganz verschiedenen Arten. Ich gehöre dazu.

Dienstag, 24. Mai 2016

Zurück auf den richtigen Weg

Hmm... Ich hab einen kleinen Abstecher auf den falschen Weg gemacht und muss jetzt zusehen, dass ich wieder auf den richtigen Weg komme und weitermache. Denn das ist das richtige. Ein Teil von mir möchte aufgeben, weil ich es nicht schaffe. Aber der größere und wichtigere Teil von mir sagt, dass ich nicht aufgeben darf. Ich habe vor der Therapie beschlossen, dass ich das durchziehe, egal wie schwierig und schmerzhaft diese Monate auch sein werden, und dass ich auf einem anderen Weg in ein besseres Leben gelange. Ich bin es leid, ständig nur krank und schwach zu sein. Ich bin diejenige, die mich befreien kann. Und zum ersten Mal habe ich das Ziel wirklich vor Augen, der Traum kann Realität werden. Ich habe ein paar neue Türen geöffnet und gesehen, dass ich den Traum verwirklichen kann. Das ist nicht einfach, denn es müssen sich viele Dinge ändern. Und ich bin diejenige, die diese Veränderungen machen muss. Das bin ich mir aber auch schuldig. Nach einem ewigen Kampf, der mein halbes Leben in Anspruch genommen hat, bin ich jetzt an einem Punkt, an dem ich meinem Körper ein Ende vom Leid bereiten muss. Ich kann nicht länger diesen tödlichen Tanz tanzen, mit Schmerzen, Versagen, Dunkelheit. Ich möchte mich gut fühlen. Ich möchte Ziele haben, ich möchte schöne Dinge mit meinen Freunden und meiner Familie erleben. Das hab ich doch verdient. Aber es reicht nicht, das alles zu wollen, ich muss dafür auch kämpfen und die richtigen Entscheidungen treffen. Immer und immer wieder. Natürlich habe ich riesige Angst davor zu versagen, aber die Angst darf mir da nicht im Weg stehen. Morgen gehe ich wieder in die Klinik und mache dort weiter. Ich habe Angst, denn nach einem Rückfall und einer kleinen Auszeit ist es immer schwierig, nochmal anzufangen und dazu zu stehen. Es ist mir so unangenehm. Aber das ist so ein Gefühl, an dem ich arbeiten muss, auch wenn es schwierig ist. Die Scham zieht mich so runter. Aber jetzt versuche ich erstmal zu schlafen, damit ich morgen wieder zurück auf den richtigen Weg kann.

Samstag, 21. Mai 2016

Der Albtraum Selbstzerstörung

Ich habe mit der Selbstverletzung zu kämpfen, aber das bin nicht ich. Sie definiert nicht, wer ich als Person bin. Wenn ich in der Notaufnahme bin und meinen Bauch verletzt habe, befinden sich mein Körper und ich in einer Krise. Ich leide körperlich und psychisch. Ich bin sehr mitgenommen und denke nur dran, dass ich irgendwie aus dieser Hölle fliehen möchte, um diese traumatischen Momente nicht erleben zu müssen. Aber dort bin ich und ich kann nicht weg. Ich habe eine Wunde, die direkt versorgt werden muss. Ich muss operiert werden. Ich bin ein Mensch mit einer Wunde, die behandelt werden muss. Warum ist es ein Unterschied, wenn diese Wunde von einem psychologischen Grund ausgelöst wird und nicht von einer körperlichen Krankheit? Warum schaut man mich deshalb anders an? Ich hab es doch verdient, mit Respekt behandelt zu werden. Freundlich behandelt zu werden. Ich bin verletzt und sie müssen sich um mich kümmern. Ich muss mich sicher fühlen und nicht ängstlich und bedroht. Ich liege hilflos dort und kann nichts machen. Wenn jemand nett zu mir ist oder mich mit Respekt behandelt, bin ich überrascht. Aber was soll ich groß tun? Ich kann nichts machen. Ich kann nicht mal das Bett verlassen, denn nach der Operation hab ich große Schmerzen. Die Ärzte haben die Macht. Und ich hab Angst.